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Fach: Deutsch
Jahrgang: 11
Thema: vorprüfung_gedichte
Niveau: erweitert
Typ: arbeitsblatt
---Inhalt---
Hier ist ein vollständiger Entwurf für eine **Vorprüfung (Klausur)** im Fach Deutsch, Jahrgang 11 (Einführungsphase/Qualifikationsphase), konzipiert für das **erweiterte Niveau** an einer Gesamtschule in Sachsen-Anhalt.

Das Thema orientiert sich an der im Brainstorming genannten **Idee 4 (Großstadtlyrik)**, da dies ein klassisches und obligatorisches Thema für die Oberstufe ist und sich hervorragend für eine vergleichende Analyse eignet.

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# KLAUSURVORSCHLAG: DEUTSCH

**Schule:** [Name der Schule]
**Fach:** Deutsch
**Kurs:** Jahrgang 11 (Erweitertes Niveau)
**Bearbeitungszeit:** 135 Minuten (+ 15 Minuten Einlesezeit)
**Hilfsmittel:** Wörterbuch der deutschen Rechtschreibung, unkommentierte Textausgaben (falls vorhanden)

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## THEMA: Lyrik der Moderne – Das Individuum in der Großstadt

### Aufgabenstellung

1.  **Analysieren Sie** das Gedicht „Der Gott der Stadt“ (1910) von Georg Heym unter besonderer Berücksichtigung der bildlichen und sprachlichen Gestaltung der Stadt. *(AFB I/II - Gewichtung: 40%)*

2.  **Vergleichen Sie** Heyms Gedicht mit Kurt Tucholskys „Augen in der Großstadt“ (1930) im Hinblick auf die Darstellung der zwischenmenschlichen Beziehungen und die Situation des Individuums. *(AFB II - Gewichtung: 40%)*

3.  **Erörtern Sie** abschließend, inwieweit die in den Gedichten dargestellten Erfahrungen von Anonymität und Reizüberflutung auf die heutige digitale Gesellschaft übertragbar sind. *(AFB III - Gewichtung: 20%)*

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### MATERIAL

#### Text A: Georg Heym – Der Gott der Stadt (1910)

*(Georg Heym, 1887–1912, war einer der wichtigsten Vertreter des literarischen Expressionismus.)*

1 Auf einem Häuserblocke sitzt er breit.
2 Die Winde lagern schwarz um seine Stirn.
3 Er schaut voll Wut, wo fern in Einsamkeit
4 Die letzten Häuser in das Land verirrn.

5 Vom Abend glänzt der rote Bauch dem Baal¹,
6 Die großen Städte knien um ihn her.
7 Der Kirchenglocken ungeheure Zahl
8 Wogt auf zu ihm aus schwarzer Türme Meer.

9 Wie Korybanten-Tanz² dröhnt die Musik
10 Der Millionen durch die Straßen laut.
11 Der Schlote Rauch, die Wolken der Fabrik
12 Ziehn auf zu ihm, wie Duft von Weihrauch blaut.

13 Das Wetter schwelt in seine Augenbraun.
14 Der dunkle Abend wird in Nacht betäubt.
15 Die Stürme flattern, die wie Geier schaun
16 Von seinem Haupthaar, das im Zorne sträubt.

17 Er streckt ins Dunkel seine Fleischerfaust.
18 Er schüttelt sie. Ein Meer von Feuer jagt
19 Durch eine Straße. Und der Glutqualm braust
20 Und frisst sie auf, bis spät der Morgen tagt.

*Anmerkungen:*
¹ *Baal: Ursprünglich westsemitischer Wetter- und Fruchtbarkeitsgott; im Alten Testament und der christlichen Tradition oft als Götze oder Dämon verteufelt.*
² *Korybanten: Priester der antiken Göttin Kybele, bekannt für ihre wilden, ekstatischen Tänze und Lärm.*

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#### Text B: Kurt Tucholsky – Augen in der Großstadt (1930)

*(Kurt Tucholsky, 1890–1935, war ein bedeutender Journalist und Satiriker der Weimarer Republik. Dieser Text wird der Neuen Sachlichkeit zugeordnet.)*

1 Wenn du zur Arbeit gehst
2 am frühen Morgen,
3 wenn du am Bahnhof stehst
4 mit deinen Sorgen:
5 da zeigt die Stadt
6 dir asphaltglatt
7 im Menschentrichter
8 Millionen Gesichter:
9 Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
10 die Braue, Pupillen, die Lider –
11 Was war das? vielleicht dein Lebensglück ...
12 vorbei, verweht, nie wieder.

13 Du gehst dein Leben lang
14 auf tausend Straßen;
15 du siehst auf deinem Gang,
16 die dich vergaßen.
17 Ein Auge winkt,
18 die Seele klingt;
19 du hast’s gefunden,
20 nur für Sekunden ...
21 Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
22 die Braue, Pupillen, die Lider –
23 Was war das? kein Mensch dreht die Zeit zurück ...
24 vorbei, verweht, nie wieder.

25 Du musst auf deinem Gang
26 durch Städte wandern;
27 siehst einen Pulsschlag lang
28 den fremden Andern.
29 Es kann ein Feind sein,
30 es kann ein Freund sein,
31 es kann im Kampfe dein
32 Genosse sein.
33 Er sieht hinüber
34 und zieht vorüber ...
35 Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
36 die Braue, Pupillen, die Lider –
37 Was war das? Von der großen Menschheit ein Stück!
38 Vorbei, verweht, nie wieder.

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### HILFEKASTEN (Differenzierung)

> **Tipps zur Bearbeitung:**
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> *   **Zu Aufgabe 1 (Analyse):** Achten Sie auf die Personifikation der Stadt (Wer ist der „Gott“?). Untersuchen Sie die Farbsymbolik (schwarz, rot) und religiöse Metaphern. Welche Stimmung wird erzeugt (Bedrohung vs. Harmonie)?
> *   **Zu Aufgabe 2 (Vergleich):** Erstellen Sie vor dem Schreiben eine Tabelle.
>     *   *Heym:* Wie mächtig ist das Individuum gegenüber dem „Gott“? (Passiv/Opfer?)
>     *   *Tucholsky:* Wie begegnen sich die Menschen? (Flüchtig/Anonym?)
>     *   Vergleichen Sie die Form: Heym (strenges Metrum/Sonett-ähnlich) vs. Tucholsky (Liedhaft/Chanson).
> *   **Zu Aufgabe 3 (Erörterung):** Denken Sie an Social Media (Tinder, Instagram). Sind Begegnungen dort auch „vorbei, verweht“? Fühlen wir uns in der digitalen Masse einsam?

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### ERWARTUNGSHORIZONT (Für Lehrkräfte)

Hier sind Stichpunkte für die Bewertung der Schülerleistung:

#### Zu Aufgabe 1 (Analyse Heym)
*   **Inhalt:** Darstellung der Stadt als dämonisches Wesen (Baal), das die Menschen beherrscht und am Ende zerstört (Feuer/Apokalypse).
*   **Form:** 5 Strophen à 4 Verse (Vierzeiler), fünfhebiger Jambus (starr), umarmender Reim/Kreuzreim. Die Strenge der Form bändigt das Chaos des Inhalts.
*   **Sprache:**
    *   *Personifikation:* Die Stadt/Industrie wird zum aktiven Monster („sitzt breit“, „schaut voll Wut“).
    *   *Metaphern:* „Kirchenglocken... schwarzer Türme Meer“, „Fleischerfaust“.
    *   *Farbsymbolik:* Schwarz (Bedrohung, Rauch), Rot (Feuer, Zorn, Baal-Bauch).
    *   *Neologismen/Komposita:* „Glutqualm“.
*   **Deutung:** Kritik an der Industrialisierung, Verlust der Individualität, Vorahnung des Ersten Weltkriegs/Untergangs.

#### Zu Aufgabe 2 (Vergleich)
*   **Gemeinsamkeiten:** Thema Großstadt, Motiv der Masse („Millionen“), Gefühl der Verlorenheit/Einsamkeit.
*   **Unterschiede:**
    *   *Perspektive:* Heym (auktorial/distanziert, mythisch überhöht) vs. Tucholsky (direkte Ansprache „Du“, alltäglich, subjektiv).
    *   *Individuum:* Bei Heym eine anonyme, unterwürfige Masse („Korybanten-Tanz“), Opfer der Zerstörung. Bei Tucholsky ein vereinzeltes Subjekt auf der Suche nach Kontakt, leidend unter der Flüchtigkeit.
    *   *Atmosphäre:* Heym = Apokalyptisch, bedrohlich, dämonisch. Tucholsky = Melancholisch, resigniert, nüchtern (Neue Sachlichkeit).
    *   *Form:* Heym (Expressionistisches Pathos) vs. Tucholsky (Chanson-Stil, Refrain, volksliedhaft).

#### Zu Aufgabe 3 (Transfer/Erörterung)
*   **Bezug:** Übertragung der „Menschenmassen“ und „kurzen Blicke“ auf das digitale Zeitalter.
*   **Argumente (Beispiele):**
    *   *Pro Aktualität:* Dating-Apps (Wischen = „kurzer Blick“), Reizüberflutung im Feed, Anonymität in Kommentarspalten, „Fear of Missing Out“ (Verlustangst wie bei Tucholsky).
    *   *Contra/Grenzen:* Digitale Vernetzung ermöglicht auch dauerhaften Kontakt über Distanz (anders als Tucholskys physisches „Vorbei“), Algorithmen (der neue „Gott der Stadt“?) steuern uns, aber zerstören uns nicht physisch wie bei Heym.
*   **Urteil:** Differenziertes Fazit zur Qualität menschlicher Begegnungen heute.
