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Fach: Religion
Jahrgang: 12
Thema: Christologie
Niveau: erweitert
Typ: schreibaufgabe
---Inhalt---
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fach: "Religion"
jahrgang: 12
thema: "Christologie / Passion"
typ: "schreibaufgabe"
kompetenzbereich: "Deutung biblischer Texte / Wahrnehmung religiöser Motive"
niveau: "erweitert"
sozialform: "Einzelarbeit"
version: 1
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# Schreibaufgabe: Wer tötete Jesus? – Historische Verantwortung vs. Antijudaismus

## Situation
Sie sind Redakteur*in für das ökumenische Jugendmagazin „Tacheles“. In der letzten Ausgabe gab es einen Leserbrief, der behauptete: *„Warum regen sich alle über Antisemitismus auf? Es steht doch in der Bibel, dass die Juden Jesus getötet haben.“*

Die Chefredaktion bittet Sie, für die kommende Osterausgabe einen fundierten **Hintergrundartikel** zu schreiben, der diese Behauptung historisch und theologisch richtigstellt. Ihr Artikel soll den Titel tragen: **„Ein römisches Kreuz für einen jüdischen Rebellen? – Die historischen Hintergründe der Passion.“**

## Auftrag

Verfassen Sie den Artikel (ca. 600–800 Wörter) unter Einbeziehung der Materialien M1, M2 und M3 sowie Ihres Wissens aus der vorangegangenen Stunde (Tempelreinigung).

Bearbeiten Sie dabei folgende Punkte:
1.  **Vergleichen** Sie die Anklagepunkte vor dem Hohen Rat (M1) mit den Vorwürfen vor Pilatus (M2). Arbeiten Sie heraus, wie sich der Vorwurf von einer religiösen zu einer politischen Ebene verschiebt.
2.  **Erläutern** Sie, warum die jüdische Obrigkeit Jesus an die Römer überstellte, anstatt ihn selbst zu bestrafen. Beziehen Sie dabei die Erkenntnisse zur Tempelreinigung (Jesus als Unruhestifter) und die römische Rechtslage (M3) ein.
3.  **Beurteilen** Sie abschließend die These des Leserbriefschreibers („Die Juden haben Jesus getötet“) kritisch. Zeigen Sie auf, warum der Vorwurf des „Gottesmordes“ historisch falsch ist und welche Gefahr in dieser pauschalen Verurteilung liegt.

## Materialien

### M1: Das Verhör vor dem Hohen Rat (nach Markus)
*Jesus wurde verhaftet und zum Hohenpriester gebracht. Dort suchen sie Zeugenaussagen gegen ihn.*

> „Da stand der Hohepriester auf, trat in die Mitte und fragte Jesus: [...] Bist du der Christus, der Sohn des Hochgelobten? Jesus sagte: Ich bin es. [...] Da zerriss der Hohepriester seine Kleider und rief: Wozu brauchen wir noch Zeugen? Ihr habt die Gotteslästerung gehört. Was ist eure Meinung? Und alle fällten das Urteil: Er ist schuldig und muss sterben.“
> *(Mk 14, 60-64; Einheitsübersetzung)*

### M2: Das Verhör vor Pilatus (nach Markus)
*Am nächsten Morgen fassen die Hohenpriester einen Beschluss und liefern Jesus an Pilatus aus.*

> „Pilatus fragte ihn: Bist du der König der Juden? Er antwortete ihm: Du sagst es. [...] Darauf wollte Pilatus die Volksmenge zufriedenstellen und gab ihnen Barabbas frei. Jesus aber ließ er geißeln und lieferte ihn aus zur Kreuzigung.“
> *(Mk 15, 2-15; Einheitsübersetzung)*
>
> *Hinweis: Auf dem Kreuzestitel (Titulus) stand später der Grund der Hinrichtung: „Der König der Juden“ (Mk 15,26).*

### M3: Historischer Hintergrund zur Kreuzigung
> „Die Kreuzigung war im Römischen Reich die grausamste und schändlichste Todesstrafe (*servile supplicium* – Sklavenstrafe). Sie wurde nicht gegen römische Bürger verhängt, sondern primär gegen entlaufene Sklaven und politische Aufrührer (Rebellen) in den Provinzen, die die *Pax Romana* (den römischen Frieden) gefährdeten.
> Das jüdische Gesetz kannte als Todesstrafe für religiöse Vergehen wie Gotteslästerung die Steinigung (vgl. Apostelgeschichte 7, Steinigung des Stephanus). Dass Jesus gekreuzigt wurde, ist das sicherste historische Indiz dafür, dass er von der römischen Besatzungsmacht als politischer Unruhestifter hingerichtet wurde. Historiker gehen davon aus, dass das *ius gladii* (das Recht, die Todesstrafe zu vollstrecken) zur Zeit Jesu in Judäa allein beim römischen Statthalter lag.“
> *(Zusammenfassung nach theologischen Standardwerken, z.B. Gerd Theißen / Claus-Jürgen Thornton)*

## Rahmen

-   **Zeit:** 90 Minuten
-   **Textumfang:** ca. 600–800 Wörter
-   **Hilfsmittel:** Bibel (Einheitsübersetzung oder Lutherbibel)

## Hinweise zur Differenzierung

**Hilfestellung (Scaffolding):**
Wenn Sie Schwierigkeiten haben, den Text zu strukturieren, nutzen Sie folgende Gliederung:
1.  **Einleitung:** Aufgreifen des Leserbriefs und Nennung der zentralen These (Jesus starb am römischen Kreuz).
2.  **Hauptteil 1 (Analyse):** Tabelle im Kopf erstellen: Was wirft der Hohepriester Jesus vor? (M1) Was interessiert Pilatus? (M2).
3.  **Hauptteil 2 (Erklärung):** Warum die Übergabe? (M3 nutzen: Wer darf töten? + Rückbezug Tempelreinigung: Angst vor Aufstand).
4.  **Schluss (Urteil):** Warum ist „Die Juden sind schuld“ falsch? (Unterscheidung: kleine Gruppe der Obrigkeit vs. ganzes Volk; römische Exekutive).

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## Erwartungshorizont (Stichpunkte)

**1. Analyse der Anklagepunkte (AFB I/II)**
*   **M1 (Jüdisches Verhör):** Der Vorwurf ist rein religiös/theologisch. Es geht um den Anspruch Jesu, der „Christus“ (Messias) und „Sohn des Hochgelobten“ zu sein. Das Urteil lautet auf „Gotteslästerung“.
*   **M2 (Römisches Verhör):** Pilatus interessiert sich nicht für Blasphemie, sondern für den politischen Anspruch. Die Frage „Bist du der König der Juden?“ impliziert den Vorwurf des Hochverrats (crimen laesae maiestatis) gegen den Kaiser.
*   **Transfer:** Die Schüler erkennen den strategischen Wechsel: Damit Pilatus handelt, muss der religiöse Anspruch in eine politische Bedrohung übersetzt werden.

**2. Motivation und Rechtslage (AFB II)**
*   **Tempelreinigung:** Die Schüler greifen das Vorwissen auf. Jesus hat die öffentliche Ordnung im Tempel gestört (Angriff auf das ökonomische und kultische Zentrum). Die jüdische Oberschicht (Sadduzeer/Priester) fürchtet ein Eingreifen der Römer, wenn die Ruhe nicht gewahrt bleibt (Realpolitik / Kollaboration zur Friedenssicherung).
*   **Rechtslage (M3):** Die jüdische Behörde (Sanhedrin) hatte vermutlich kein *ius gladii* (Recht zur Hinrichtung) bei Kapitalverbrechen oder wollte die Verantwortung für einen populären Propheten abwälzen.
*   **Hinrichtungsart:** Kreuzigung ist eindeutig römisch (Strafe für Aufruhr/Sedition). Wäre es ein rein jüdisches Urteil gewesen, wäre Jesus gesteinigt worden.

**3. Beurteilung und Antijudaismus-Kritik (AFB III)**
*   **Historische Korrektur:** Jesus wurde nicht vom „jüdischen Volk“ getötet, sondern von einer kleinen Elite (Tempelaristokratie) an die römische Besatzungsmacht ausgeliefert. Das Todesurteil fällte und vollstreckte Pilatus (Rom).
*   **Theologische Kritik:** Der Begriff „Gottesmörder“ ist unsinnig und gefährlich. Er pauschalisiert die Schuld („die Juden“ statt einzelner Akteure) und ignoriert, dass Jesus selbst Jude war, ebenso wie seine Jünger.
*   **Fazit:** Der Artikel muss deutlich machen, dass christlicher Glaube ohne die Wurzeln im Judentum nicht denkbar ist und antijudaistische Stereotype der historischen Realität widersprechen.
